B O S P O R U S

 

Die Türkei erlebt einen imposanten Wirtschaftsaufschwung.
Davon profitieren auch die Deutschen – nicht zuletzt, weil das Land der EU näher kommt.

Noch gut drei Monate, dann ist Marc Landau, Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul, kein Milliardär mehr. Und das findet er sogar gut. Der scheinbare Riesenverlust kommt nämlich zu Stande, weil der türkische Finanzminister Kemal Unakitan zum Jahresbeginn 2005 neue Geldscheine ausgibt, auf denen sechs Nullen fehlen. Ein Euro ist dann nur noch rund 1,9 türkische Lira wert anstatt der bisherigen 1,9 Millionen. Versprochen hatten türkische Finanzminister einen solchen Schnitt seit Jahren – sobald die traditionell verheerende Inflation unter Kontrolle sei. Jetzt ist es soweit: Im ersten Halbjahr 2004 lag die Geldentwertung unter zehn Prozent, der beste Wert seit über drei Jahrzehnten.

Der Währungsschnitt ist daher mehr als ein symbolischer Akt – er ist ein Aufbruchssignal. Ungeachtet des umstrittenen und seit kurzem wieder hakenden Annäherungsprozesses an die Europäische Union hat die Türkei den Anschluss an die europäische Wirtschaft gefunden. Das Land boomt und könnte in diesem Jahr ein Wachstum von 7 bis 8 Prozent erreichen; allein im zweiten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt im Jahresvergleich um 13,4 Prozent. Längst ist die Türkei nicht mehr nur Produzent billiger Jeans oder Armeeuniformen. 30 Prozent aller in Westeuropa verkauften Farbfernsehgeräte haben in der Türkei hergestellte Bildschirme. Gerade im High-Tech-Bereich investieren viele Konzerne in ihre türkischen Fabriken. Eine „Explosion der Produktivität“ registriert der Türkei-Experte Serhan Cevik vom Brokerhaus Morgan Stanley. Und abgesehen von den Türken selbst profitiert kein Land in Europa davon so sehr wie Deutschland. 

Das hat viele Gründe. Ein wichtiger Faktor ist die türkische Präsenz in Deutschland: über zwei Millionen Menschen aus türkischen Familien, um die 60 000 von ihnen selbstständige Unternehmer, längst nicht mehr allein in Schnellgastronomie, Lebensmittelhandel und Tourismus. Türkisch-deutsche Industrieunternehmen werden zu Motoren der Verflechtung: Von Michelstadt im Odenwald aus steuert etwa der deutsch-türkische Unternehmer Aziz Yüzer gleich sechs deutsche Unternehmen, die unter anderem Verpackungen, Spezialtüren und Kunststoffprodukte herstellen. Etwa für Lang & Yüzer Otomotiv, dem türkischen Zweig des wachsenden kleinen Firmenimperiums im Industriegebiet auf der asiatischen Seite des Bosporus. „Wir prüfen weitere Investitionsmöglichkeiten in der Türkei“, sagt Yüzer, „neue Produkte, die wir in Deutschland entwickeln werden, können wir anschließend in der Türkei herstellen.“ 

Die deutschen Direktinvestitionen nehmen schon jetzt spürbar zu. 2003 waren es 158 Millionen Euro – im ersten Quartal 2004 bereits 181 Millionen Euro. Die Wirtschaft honoriert offenbar, dass heute stabile Verhältnisse in der Türkei herrschen. In einem Land, das vor erst dreieinhalb Jahren, im Frühjahr 2001, wegen einer kombinierten Banken-, Börsen- und Währungskrise im freien Fall zu sein schien. Das scheint inzwischen beinah vergessen. An der in den vergangenen Monaten boomenden Istanbuler Börse wie auch auf Bankkonten in Ankara und Istanbul sind nach Schätzungen eines in Deutschland tätigen türkischen Bankers zwischen 10 und 15 Milliarden Euro aus Deutschland investiert, „hautsächlich von Türken, aber auch von Deutschen“.

Tatsächlich sieht es so aus, als sei die jahrzehntelange Misswirtschaft des ewigen Schwellenlandes Türkei endgültig Geschichte geworden. Die Türkei des 20. Jahrhunderts gibt es nicht mehr: Das war seit der Zeit des Republikgründers Kemal Atatürk eine weit gehend staatsgelenkte, monopolisierte Volkswirtschaft, in der gute Beziehungen zu den Mächtigen für die gegängelten Unternehmer wichtiger waren als Innovationen und marktwirtschaftliches Denken. Reformansätze gab es immer wieder, aber infolge politischer Krisen und des Widerstands der übermächtigen Militärs wurden daraus am Ende fast nie etwas. Außerdem fürchteten viele ausländische Investoren die islamistische Gefahr. „Östlich von Istanbul gilt doch nur noch der Koran, da machen wir keine Geschäfte“, hieß es noch vor wenigen Jahren im Vorstand einer bedeutenden deutschen Bank, die viel Erfahrung mit der Betreuung deutscher Unternehmen in anderen Schwellenländern hatte. Heute will niemand mehr mit dieser immer schon falschen Aussage zitiert werden.

Der ökonomische Wandel, eingeleitet in der großen Krise von 2001, hat sich verfestigt, nachdem in Ankara ausgerechnet die Islamisten an die Macht gekommen sind. Seit 2002 regiert mit der AK-Partei des heutigen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan eine Bewegung religiös orientierter Muslime, und die machen genau das, was Unternehmer und Wirtschaftsberater gerne sehen: Die Türkei hat nun eine unabhängige Notenbank, eine zwar immer noch unproduktive, aber kaum noch subventionierte Landwirtschaft, Gewerbefreiheit, ein einigermaßen saniertes Bankensystem und ein für türkische Verhältnisse moderates Haushaltsdefizit von rund 8,5 Prozent in diesem Jahr (fast 2,5 Prozentpunkte weniger als geplant). Das Islamische an der AKP, meint der ganz westlich gesonnene Istanbuler Unternehmensberater Haluk Alacaklioglu, „ist für die Wirtschaftspolitik ungefähr so wichtig wie das Christliche an CDU und CSU“ – man kann damit leben.

Von der einzigen verbleibenden Oppositionspartei in der Nationalversammlung haben die Unternehmer erst recht nichts zu fürchten. Die altehrwürdige Republikanische Volkspartei Kemal Atatürks hat dessen staatswirtschaftliche Vorstellungen längst aufgegeben. Ihr führender Wirtschaftspolitiker ist Kemal Dervis, der als Finanzminister von 2001 bis 2002 den Weg aus der Krise eingeleitet hat – in enger Abstimmung mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der dem Land mit Krediten über 18,6 Milliarden Dollar aus der Rezession von 2001 heraushalf und derzeit in den laufenden Verhandlungen weitere 10 bis 15 Milliarden Dollar für die Zeit bis 2007 in Aussicht stellt.

Inzwischen geht es bei den IWF-Forderungen nicht mehr um die Beseitigung absurder Gängelungen von Wirtschaft und Konsumenten, sondern um den fast normalen Reformbedarf europäischer Volkswirtschaften: Die Türkei braucht ein effizienteres Steuersystem und muss ihr Sozialsystem modernisieren. Außerdem bemängelt der IWF den schleppenden Vollzug der seit 2001 angekündigten Privatisierung der ineffizient arbeitenden Staatsunternehmen. 

Das Defizit der türkischen Außenhandelsbilanz, für die Regierung in Ankara ein Problem bei den Verhandlungen mit dem IWF, ist für die Unternehmen hingegen ein eher gutes Zeichen: Die Türken importieren derzeit vor allem Investitionsgüter, ihre Wirtschaft wird dadurch moderner und produktiver. Auch als Absatzmarkt wird die Bedeutung der Türkei zunehmen: Das derzeit noch anhaltende Bevölkerungswachstum – 1,9 Prozent im Durchschnitt der vergangenen zwei Jahrzehnte – schafft eine Dynamik, die es nirgendwo in Westeuropa gibt, von den neuen EU-Mitgliedsländern in Osteuropa mit ihren zum Teil schrumpfenden Bevölkerungen ganz zu schweigen. Und dass die Türkei Außengrenzen mit Ländern wie dem Irak oder dem Iran hat, macht Außenpolitikern berechtigte Sorge, Unternehmer sehen darin aber auch eine Chance des schnellen Marktzugangs in asiatische Länder. Ein Weltkonzern wie Coca Cola etwa steuert schon jetzt von Istanbul aus sein Geschäft bis nach Zentralasien und an die chinesische Westgrenze.

So weit musste der geografische Horizont von Jürgen Burks gar nicht reichen, als er 2002 zum ersten Mal in seinem Leben in die Türkei reiste. In Gebze, rund 50 Kilometer östlich von Istanbul, fand er ein leeres Gewerbegebiet vor, das – so lautete sein Arbeitsauftrag mit Leben gefüllt werden sollte. Heute ist das 250 Hektar große Areal komplett vermarktet und Burks, Projektleiter Türkei bei der Gladbecker Unternehmensberatung ZAP, um eine Erfahrung reicher: “Die Dynamik in der Türkei ist atemberaubend. Immer wenn ich nach Deutschland zurückkomme, fühle ich mich hier wie im Schlafwagen.“

Neben innovativen Pfadfindern wie Burks aus Gladbeck und klugen Deutschtürken wie Yüzer aus dem Odenwald gibt es eine lange Liste von deutschen Konzernen in der Türkei. Siemens kam vor fast 150 Jahren nach Istanbul und sorgte damals schon für die Beleuchtung der Sultansgemächer im Dolmabahçe-Palast am Ufer des Bosporus. Bosch beschäftigt in seinen Werken Istanbul, Bursa, Manisa und Cerkezköy rund 5300 Mitarbeiter, die unter anderem Hausgeräte zusammenschrauben, Hydraulikkomponenten und Autoteile herstellen.

Hohe Wachstumsraten verzeichnet speziell die Autobranche. „Die Türkei hat sich zu einem der weltweit wichtigsten Produktionsstandorte für die Automobilindustrie entwickelt“, sagt Till Becker, Chef von Mercedes-Benz in der Türkei. In diesem Jahr dürften am Bosporus rund 755 000 Fahrzeuge vom Band laufen, schätzt der Verband der türkischen Automobilzulieferer Taysad: mehr als doppelt so viele wie 2002.

Fast alle großen europäischen Autobauer sind mittlerweile im Land. In Ankara produziert MAN mit 2500 Beschäftigten Busse. Mercedes-Benz (3700 Mitarbeiter) hat in den vergangenen zehn Jahren mehr als eine halbe Milliarde Euro investiert und will, so Becker, „das Engagement weiter verstärken“. Das LKW-Werk in Aksaray wurde gerade ausgebaut, die Kapazität von 8000 auf 12 000 Fahrzeuge erhöht. Auch die Busproduktion in Hosdere soll schnellstmöglich hochgefahren werden.

Natürlich hat das gerade in der Autobranche mit den niedrigen Arbeitskosten zu tun. Der Stundenlohn der Mercedes-Benz-Beschäftigten liegt inklusive Nebenkosten bei etwa 6,50 Euro im Vergleich zu 39 Euro in Deutschland. Trotzdem registriert Mercedes-Mann Becker „eine extrem starke Bindung der Arbeitnehmer an ihr Unternehmen. Die Arbeitsmoral ist hervorragend, da liegen die Türken im internationalen Vergleich ganz vorn.“

Im Schlepptau der Großen kommen auch immer mehr mittelständische Zulieferer. Nach einer ZAP-Umfrage unter fast 200 deutschen Autozulieferern hat fast jedes fünfte Unternehmen bereits eine Niederlassung oder ein Joint Venture in der Türkei. Und von den anderen könnten sich 90 Prozent eine Partnerschaft mit einem türkischen Betrieb vorstellen. Als ZAP-Berater Burks im September 2003 eine Informationsveranstaltung zum Wirtschaftsstandort Türkei organisierte, kamen sechs Besucher. Als er dieses Jahr im Juni die Veranstaltung wiederholte, drängelten sich an die 100 Mittelständler im Saal. Der Ökonom ist sich denn auch sicher: „Die Türkei wird das China Europas.“

Von Vorteil ist dabei die Verständigung mit den Türken. Die leitenden Angestellten sind in vielen Betrieben Deutschtürken; manche haben in Deutschland studiert oder die renommierten deutschen oder österreichischen Schulen in Istanbul besucht. Was zur Folge hat, dass in vielen türkischen Betrieben – auch solchen ohne deutsche Kapitalbeteiligung – Deutsch zur Umgangssprache auf der Vorstandsetage geworden ist.

Trotzdem sind gerade beim Markteinstieg persönliche Kontakte sehr wichtig, wie das Beispiel von Peter Hemicker zeigt. Der Chef eines Architektur- und Planungsbüros in Kierspe im Sauerland hatte vor fast 30 Jahren einen türkischen Praktikanten. Der Kontakt brach nie ab. Heute ist der Expraktikant Diplomingenieur, Chef einer türkischen Baufirma – und Partner von Hemicker bei einem Joint Venture, das 2005 in der Türkei starten soll.

Trotzdem: Die Türkei hat immer noch große Defizite. Investoren müssen sich bei ihren Geschäftspartnern auf eine oft vorsintflutliche IT-Ausstattung sowie große Schwächen bei Logistik und Produktmarketing einstellen. In der staatlichen Bürokratie geht weiterhin oft nichts ohne Schmiergeld – im Korruptionsindex der Organisation Transparency International liegt die Türkei auf Rang 77, hinter Kolumbien und hinter dem Senegal.

Dennoch sehen auch die großen deutschen Wirtschaftverbände vor allem gute Chancen. Die Türkei kann als Investitionsstandort durchaus in einer Liga mit den neuen osteuropäischen EU-Staaten spielen“, versichert Fabian Wehnert, Türkei-Experte beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Unabhängig von der Frage eines EU-Beitritts sei es „sinnvoll, wenn Türkei und EU möglichst bald einen gemeinsamen Wirtschaftsraum bilden, in dem die Binnenmarktregeln zur vollen Anwendung kommen“, heißt es in einem BDI-Positionspapier. Vorbild könne der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) zwischen der EU und den Staaten Norwegen, Island und Liechtenstein sein.

An entsprechendem Selbstbewusstsein fehlt es den Türken nicht: Wenn in den nächsten Jahren wieder Fernsehapparate der Marke Grundig verkauft werden, dann kommen sie aus der Türkei, Erzeugnisse des Istanbuler Koc-Konzerns. Die Familiendynastie hat den Markennamen gekauft – der wie kein andere für das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit stand.

 

BERT LOSSE/HANS JAKOB GINSBURG

 


         WIRTSCHAFTSWOCHE  23.9.2004  NR. 40